Einblicke in den Tiergarten

11.03.2026

Wie der Schwiegervater so der Schwiegersohn

Gaudenz Fischer sorgt als Hauswart dafür, dass der Tiergarten funktioniert. Sein Schwiegervater hat die Siedlung einst mitgeplant. Das ist Zufall, aber nicht nur.
Peter Zingg (rechts) und Gaudenz Fischer.  Beide haben sich beruflich dem Tiergarten verschrieben.
Peter Zingg (rechts) und Gaudenz Fischer. Beide haben sich beruflich dem Tiergarten verschrieben. 
Peter Zingg kennt auch noch nach 40 Jahren jede Ecke im Tiergarten.
Peter Zingg kennt auch noch nach 40 Jahren jede Ecke im Tiergarten. 
Wie der Vater so der Sohn, sagt man. Bei Peter Zingg und Gaudenz Fischer müsste es heissen: Wie der Schwiegervater so der Schwiegersohn. Der eine hat den Tiergarten in den 1980er-Jahren geplant und mitgebaut, der andere sorgt heute dafür, dass der Alltag reibungslos abläuft.

Peter Zingg, der Schwiegervater, war jahrelang in die Planung der Siedlung involviert. Jahrzehnte später bewirbt sich sein Schwiegersohn Gaudenz Fischer als Hauswart in der Siedlung – und erhält die Zusage.

Während Gaudenz Fischer seitdem viel Zeit im Tiergarten verbringt, war Peter Zingg schon seit Jahren nicht mehr hier. Doch noch immer bewegt sich der 84-Jährige wie ein Planer durch die Siedlung, zeigt auf Dächer, Innenhöfe, Sträucher und erzählt passende Anekdoten.

«Ich will ja nicht angeben», sagt er, «aber damals kannte ich jede Schraube, jedes Türschild, jedes Schlüsselloch».

Wohnhäuser statt Bürotürme

Peter Zingg war im In- und Ausland an Bauprojekten beteiligt, doch keines beschäftigte ihn so intensiv wie der Tiergarten. Die Planung der Siedlung mit 541 Wohnungen dauerte insgesamt 15 Jahre.

Zingg war als Teamleiter für die Ausführungssplanung und Realisation des Tiergartens zuständig. Verantwortlicher Architekt für die Gesamtplanung der Wohnüberbauung war Ernst Stücheli, Mitinhaber des bekannten Architekturbüro Stücheli-Huggenberger-Stücheli. 

Der Tiergarten entstand auf dem Gelände einer ehemaligen Lehmgrube, wo jahrzehntelang Ziegel gebrannt wurden. 1974 stellten die Zürcher Ziegeleien die Produktion ein und legten der Stadt den Entwurf eines Bauprojektes vor, das grosse Gewerbe- und Bürogebäude auf dem Industrieareal vorsah. Doch die Stadt lehnte das dichte Industrieareal ab. Stattdessen einigte man sich darauf, neuen Wohnraum zu schaffen. 
Wo heute die Tiergarten-Siedlung ist, stand bis in die 1970er-Jahre eine Ziegelfabrik.
Wo heute die Tiergarten-Siedlung ist, stand bis in die 1970er-Jahre eine Ziegelfabrik.
In der Folge erarbeitete die Stadt gemeinsam mit dem Architekturbüro von Werner Stücheli und den Zürcher Ziegeleien Sonderbauvorschriften, die eine Wohnnutzung ermöglichten. Als diese 1982 vom Stadtrat genehmigt wurden, war die erste Hürde geschafft.

Sechs Jahre später starteten die Bauarbeiten für die Siedlung. Doch eine derart grosse Überbauung auf einem Lehmfundament zu bauen, gestaltete sich als schwierig. Der Boden war instabil, zudem stiess man unter der Lehmschicht auf grosse Wassermengen. Die Gebäude wurden auf Pfählen errichtet, die bis zu 70 Meter in den Boden ragen. 

Beide haben eine Zwischenfunktion

Von Herausforderungen wie diesen liess sich Peter Zingg nicht abschrecken. Sein Schwiegersohn sagt über ihn: «Er ist ein pragmatischer Mensch, er baut keine Luftschlösser. Er sieht das Problem und die Lösung.»

Das hat viel mit seinem Werdegang zu tun. Nach der Ausbildung zum Hochbautechniker reiste Zingg per Autostopp nach Paris, sprach kaum Französisch, stellte sich in einem Architekturbüro vor und wurde angestellt. Rasch erhielt er viel Verantwortung. Jahre später reiste Peter Zingg nach Malawi, wo er mit der lokalen Bevölkerung unter anderem eine Kirche baute – «mit Schieberrechner und ohne Wasserwaage». Die Stationen in Afrika und Frankreich lehrten ihn, trotz fehlender Sprachkenntnisse mit den Leuten zu reden, offen und mutig zu bleiben. 

Er sei im Tiergarten nicht der Entwerfer der Pläne gewesen, betont Peter Zingg. Er verstand den Entwurf des Architekten und konnte diesen dem Baumeister erklären: «Ich hatte eine Zwischenfunktion. Die gibt es heute kaum mehr.» Und fügt dann noch hinzu: «Aber du hast sie, Gaudenz!»

Gaudenz Fischer nickt. Er arbeitete lange als technischer Planer im Schreinereibereich. Weil ihm die viele Büroarbeit nicht mehr entsprach, suchte er nach einer neuen beruflichen Aufgabe.

 

«Peter sagte, ein Hauswart verstehe viel von der Technik und sei gleichzeitig ein Vermittler. Das passe zu mir.»

Gaudenz Fischer (53), Hauswart

Es war der Schwiegervater, der ihn auf die Idee brachte, Hauswart zu werden: «Peter sagte, ein Hauswart verstehe viel von der Technik und sei gleichzeitig ein Vermittler zwischen der Mieterschaft, den Unternehmen und der Verwaltung. Das passe zu mir.»

Gaudenz Fischer zögerte zunächst. Hauswart war nie sein Traumberuf. Doch dann dachte er nach,  und entschied sich, den Berufswechsel zu wagen. Seit fünf Jahren ist er nun Hauswart, seit eineinhalb Jahren arbeitet er im Tiergarten. Heute ist er froh, hat er den Schritt gemacht: «Man sieht jeden Tag die Resultate der Arbeit.»
Peter Zingg zeigt einen Originalplan.
Peter Zingg zeigt einen Originalplan.

Die Nachbarn sollen einander begegnen

Sein Schwiegervater Peter Zingg sieht im Tiergarten die Resultate seiner Arbeit bis heute. Das wären zum Beispiel der grosszügige Aussenraum, die verschiedenen Grundrisse der Wohnungen oder die orangen Steildächer.

Er kennt die Geschichten hinter den Besonderheiten des Tiergartens, so etwa bei der Gestaltung der Aussenräume. Der beauftragte Landschaftsarchitekt Fred Eicher trennte die Sitzplätze der Bewohnenden mit Hecken und differenzierte so den öffentlichen vom privaten Raum. Zudem ist jeder Innenhof anders gestaltet, sodass sich die Bewohnenden rasch orientieren können und wissen, wo sie zuhause sind. Die bewusste Planung von sozialer Interaktion im Tiergarten trägt Früchte: Das Siedlungsleben im Tiergarten ist lebendig, der Austausch rege.

Nicht alles sei ideal gelöst worden, räumt Peter Zingg ein. Er deutet auf wild abgestellte Velos vor den Hauseingängen. «Für Velos nichts vorzusehen, war ein Fehler.» Sein Schwiegersohn weiss: «Das ändert sich jetzt!»

Das Velo hat in der Siedlung mittlerweile das Auto abgelöst, die Zeiten haben sich geändert. Im Zuge der Sanierung sieht das neue Aussenraumkonzept deshalb bei jedem Hauseingang Velohäuschen vor – mit Platz für über 400 Fahrräder. So bleiben die Qualitäten des Tiergartens erhalten, während man den Bedürfnissen von heute und morgen gerecht wird. 
Für die Velos wird es nach der Sanierung mehr Platz geben.
Für die Velos wird es nach der Sanierung mehr Platz geben.
Bilder: s2r, Nelly Rodriguez, Baugeschichtliches Archiv Zürich